
Was die Sexualforschung uns über Berührung lehrt
In meiner Arbeit mit Menschen komme ich immer wieder in Berührung mit den Themen Sex und Beziehung. Nicht immer direkt, aber spürbar in den Körpern, in dem, was sich löst oder verschließt, in den Geschichten, die zwischen den Zeilen mitschwingen oder ganz konkret erzählt werden.
Wer sich für eine Tantramassage öffnet, bringt oft mehr mit als nur den eigenen Körper.
Erwartungen, alte Verletzungen, Sehnsüchte. Manchmal auch Enttäuschung darüber, dass Sexualität sich lange Zeit leer oder mechanisch angefühlt hat.
Kürzlich bin ich auf Gedanken der kanadischen Psychologin und Sexualtherapeutin Peggy Kleinplatz gestoßen, die für mich vieles auf den Punkt bringen, was ich in meiner Arbeit intuitiv spüre.
Kleinplatz erforscht seit fast drei Jahrzehnten, was Sex wirklich außergewöhnlich macht. Sie befragte Menschen, die von sich behaupteten, den besten Sex ihres Lebens erlebt zu haben. Und die Ergebnisse überraschen. Möglicherweise.
Es geht nicht um Technik, Ausdauer oder Perfektion. Manche dieser Menschen waren schwer krank oder saßen im Rollstuhl. Was sie verband, war etwas ganz anderes. Die Fähigkeit, vollkommen präsent zu sein.
Aus ihren Interviews destillierte Kleinplatz acht Merkmale, die immer wieder auftauchten.
An erster Stelle steht Präsenz. Das vollständige Ankommen im Moment, ohne Ablenkung.
Dazu kommen Verbindung, tiefe erotische Intimität, außergewöhnliche Kommunikation, die Bereitschaft, sich verletzlich zu zeigen, Authentizität und schließlich jene Momente von Transzendenz, in denen die Grenzen zwischen zwei Menschen für einen Augenblick durchlässig werden.
Wenn ich das lese, erkenne ich genau das wieder, was ich in der Tantramassage erlebe und weitergebe. Tantramassage ist im Kern nichts anderes als eine bewusst gestaltete Einladung zu genau dieser Präsenz. Sie schafft einen geschützten Raum, in dem Berührung nicht auf ein Ziel zusteuert, sondern das Erleben selbst in den Mittelpunkt rückt. Wer eine Tantramassage gibt oder empfängt, übt sich in radikaler Aufmerksamkeit. Für den Atem, für kleinste Reaktionen des Körpers, für das, was sich im gegenwärtigen Augenblick tatsächlich zeigt. Nicht für das, was erwartet oder erhofft wird.
Auch die von Kleinplatz beschriebene Verletzlichkeit begegnet mir in meiner Arbeit.
Sich massieren zu lassen bedeutet, Kontrolle abzugeben und den eigenen Körper zu zeigen. Sich hinzugeben. Eine Offenheit, die ich als das Herzstück erfüllter Sexualität verstehe.
Und schließlich die Transzendenz. Jener Moment, in dem sich Körperempfinden, Atem und Bewusstsein so verbinden, dass etwas Größeres entsteht als die Summe der einzelnen Berührungen. In der Tantramassage wird dieser Zustand nicht erzwungen, sondern durch Langsamkeit, Achtsamkeit und einen bewusst gehaltenen Rahmen ermöglicht.
Genau darin liegt die Verbindung zwischen der wissenschaftlichen Erkenntnis und der praktischen Übung. Beide erinnern uns daran, dass es bei erfüllter Sexualität nicht um Leistung geht, sondern um die Qualität der Begegnung – mit sich selbst und mit dem Gegenüber.
Und genau darin sehe ich den Auftrag meiner Arbeit.
